Transportmarkt 07.05.2020
6 min

Die Preisspirale nach unten: kurzfristig gespart, langfristig teuer bezahlt

Was Einkäufer von Logistikdienstleistungen beachten sollten, um nicht nur jetzt gut durch die Krise zu navigieren, sondern sich perspektivisch Optionen im Einkauf zu sichern

Was Einkäufer von Logistikdienstleistungen beachten sollten, um nicht nur jetzt gut durch die Krise zu navigieren, sondern sich perspektivisch Optionen im Einkauf zu sichern.

In der Krise gibt es nicht nur Hiobsbotschaften, sondern auch Entwicklungen, die manchen Branchen oder Unternehmen zupasskommen – vermeintlich. Denn ein Aspekt darf mitten in einer Krise nicht außer Acht gelassen werden: Es gibt auch eine Zeit nach der Krise. Und für diese Zeit stellt momentan jeder Unternehmer und jeder Akteur am Wirtschaftsstandort Deutschland die Weichen. Die Logistik ist als einer der wichtigsten Wirtschaftszweige ein Indikator dafür, wohin Deutschland steuert. Die Weichenstellung sorgt jedoch zunehmend für fehlgeleitete Entwicklungen in der Transportbranche, die uns noch lange beschäftigen werden. Jetzt ist es an uns allen, gegenzusteuern.

Inhalt:

Der Alltag im Straßengüterverkehr: Wenn der Preiskampf die Norm ist

Der Ausnahmezustand: Wie Corona den Preiskampf verschärft

Ein Vorteil nicht nur in der Krise: Warum viele Anbieter am Markt Flexibilität ermöglichen

Die Macht des Einkaufs: Überlebenskampf oder Solidarität?

Der Alltag im Straßengüterverkehr: Wenn der Preiskampf die Norm ist

Das Rückgrat der deutschen Logistikbranche bilden kleine und mittelständische Transportunternehmen und Logistikdienstleister. Auch viele große Dienstleister wie Schenker oder K+N sind auf die meist kleinen Flotten der Frachtführer angewiesen. Diese KMU erleben selbst in krisenfreien Zeiten einen harten Preiskampf. Schon lange gilt eine Marge zwischen drei bis fünf Prozent als guter Gewinn. Hinzu kommt, dass es in einer regulären Marktsituation Leerfahrten weitestgehend vermieden werden können. Fahrzeuge, die für unterschiedliche Frachten eingesetzt werden, fahren nur in seltenen Fällen leer von einem Auftrag zum nächsten. Dies liegt daran, dass selbst im „Normalzustand“ der Konkurrenzkampf, und somit der Preiskampf, so hoch ist, dass in der Regel nur ein Weg bezahlt wird. Daher wird das Geld für die Rücktour über einen anderen Auftrag beschafft. Sind genügend Transporte im Markt und die entsprechende Nachfrage vorhanden, ist es kein Problem für Frachtführer oder Disponenten, die passende Tour zu finden, um kostendeckend zu wirtschaften.

Der Ausnahmezustand: Wie Corona den Preiskampf verschärft

Das Coronavirus infiziert immer mehr unsere Wirtschaft, und davon ist jeder Bereich betroffen. Dies zeigt sich aktuell sehr stark an dem Verhältnis von Fracht zu Laderaum. Seit mehr als zehn Jahren beobachten wir mit dem TIMOCOM Transportbarometer die Entwicklungen am Transportmarkt. Als Marktindikator stellt das Barometer die tagesaktuelle Angebotslage von Fracht- und Laderaumkapazitäten im Straßengüterverkehr in 44 Ländern Europas dar. In der Spitze verzeichnen wir täglich bis zu 750.000 Fracht- und Laderaumangebote. In der Kalenderwoche 13 lag jedoch der Höchstwert bei 350.000 Transportnachfragen und -angeboten täglich. Und dabei hat sich das Verhältnis von Nachfrage nach Frachtraum zu Angeboten von Kapazitäten zeitweilig ins Gegenteil verkehrt: von zuvor ca. 70:30 hin zu 30:70. Das sind noch nie dagewesene Werte. Hier wird verdeutlicht, dass wir aufgrund der Pandemie immer noch weit von einem Marktgleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage entfernt sind.

Dies führt wiederum dazu, dass Frachtführer kaum noch Rückladungen am Markt finden. Demgegenüber entwickeln sich die Transportpreise derzeit nur noch in eine Richtung: steil bergab. Somit ist es Frachtführern kaum noch möglich, ihre Kosten zu decken. Transportunternehmen haben laufende Kosten wie Löhne, Leasing etc. Daher nehmen sie fast jede Tour an, egal wie niedrig der Preis ist. Der Preiskampf wird zum Überlebenskampf. Für viele Frachtführer ist momentan der Hauptfokus, zumindest ein wenig Umsatz einzufahren, etwas Deckungsbetrag sicherzustellen. Wir sind mitten in der Preisspirale nach unten: zu viel Angebot trifft auf zu wenig Nachfrage. Geht diese Entwicklung ungebremst weiter, wird dies in der Konsequenz dazu führen, dass viele KMU nicht überleben und voraussichtlich relativ schnell aus dem Markt verschwinden werden, nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa.

Ein Vorteil nicht nur in der Krise: Warum viele Anbieter am Markt Flexibilität ermöglichen

Die Frage ist, wie wir dieser Entwicklung entgegen steuern können. Hierfür kommt vor allem ein Aspekt zum Tragen: das Sichern einer gesunden Marktstruktur mit unterschiedlichen Akteuren, die Angebot und Nachfrage flexibel bedienen können. Denn es gibt eine Zeit nach der Krise, wenn die Produktion wieder hochgefahren wird und die Bänder nicht mehr stillstehen. Sobald sich die Lage entspannt hat, wird die Nachfrage nach Transportkapazitäten wieder steigen. Dann muss eingelagerte Ware verteilt werden. Der Produktion müssen Komponenten und Bauteile geliefert und die Fertigwaren zum Kunden gebracht werden. Deshalb müssen bestehende Geschäftsbeziehungen weiterhin gepflegt und neue aufgebaut werden. Zudem sollten Infrastrukturen und Systeme insbesondere jetzt aufrechterhalten werden.

Sowohl während und insbesondere nach der Krise ist Flexibilität ein entscheidender Faktor. Weniger Transportdienstleister, die noch dazu mehr und mehr die Preise diktieren werden, verringern jedoch diese Flexibilität. Wer jetzt klug handelt, der verteilt seine Aufträge auf viele Dienstleister, zum Beispiel mittels einer Plattform, die über ein großes Netzwerk verfügt. Hierüber können sich Unternehmen um den Auftrag bewerben, die vielleicht eine Rücktour fahren können oder im entsprechenden Start- oder Zielgebiet eine weitere Beschäftigung haben. Dies sorgt dafür, dass mehr kleine und mittelständische Frachtführer die Chance haben, diese Krise zu überstehen. Und je mehr Transporteure die Krise überwinden, desto mehr Flexibilität und Auswahl haben Einkäufer in der Wahl ihrer Geschäftspartner und der Preisgestaltung ihrer Aufträge.

Die Macht des Einkaufs: Überlebenskampf oder Solidarität? 

Corona hat jeden getroffen, unerbittlich und mit mehr Auswirkungen auf die Wirtschaft, als man sich nach den ersten Meldungen aus China hätte vorstellen können. Auch produzierende Unternehmen stehen vor großen Herausforderungen und Preissensibilität ist aktuell keine Tugend, sondern ein Muss. Nichtsdestotrotz müssen Verlader und Einkäufer im Rahmen ihrer Möglichkeiten faire Preise anbieten. Im Fernverkehr müssen Preise gezahlt werden, die es Transportunternehmern ermöglichen, einigermaßen kostendeckend zu überleben. Aktuell ist dies nicht immer der Fall.

All diejenigen, die momentan sehr günstige Transporte einkaufen können, müssen sich der Konsequenzen ihrer Preisgestaltung und ihrer Verantwortung bewusst sein. Wer jetzt Preise drückt und Transporte unter Wert einkauft, muss zukünftig in einem Markt agieren, der weniger Kapazitäten bietet. Darüber hinaus werden dann eine Hand voll große Player die Verfügbarkeit sowie den Preis von Transportdienstleistungen bestimmen. Hinzu käme ein Transportmarkt, der kaum noch regional geprägte Unternehmen aufweisen würde.

Doch gilt in der Krise wirklich, dass sich jeder selbst der Nächste ist? Daran kann und will hier sicherlich niemand glauben. Diese Krise stemmen wir gemeinsam, fair, verantwortungsbewusst und mit der Zukunft im Blick.

 

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